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Biographie

Beate Jung ist Sozialarbeiterin. Während ihrer beruflichen Laufbahn hat sie Einblick in viele Bereiche gewonnen und ihre Arbeit immer gerne gemacht.

1998 kam sie ins Julie-Roger-Haus. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit Biografiearbeit. Den Einstieg bot ihr die Heimzeitung, für die sie Bewohner und Bewohnerinnen zu deren Vergangenheit befragte und dies unter der Rubrik „Erinnerungen“ veröffentlichte.

In dieser Zeit, sagt sie, wurde der Beruf zur Berufung.

„Die Lebensgeschichten und Schicksale, die ich zu hören bekam, haben mich verändert“, sagt Frau Jung. „Es gibt spezielle Biografien, die mir sehr nahe gehen. Wie manche Bewohner ihre schweren Schicksale gemeistert haben, erfüllt mich mit Bewunderung. Auch habe ich großen Respekt davor, wie die Bewohner mit dem Verlust von Fähigkeiten, die für uns selbstverständlich sind und der Einbuße ihrer Selbständigkeit umgehen. Es gehört viel dazu, im Alter noch mal ein völlig anderes Leben zu beginnen, diese Situation zu meistern und sich nicht aufzugeben. Aber ich habe auch vollstes Verständnis für diejenigen, die diese Veränderungen nicht verkraften und Depressionen entwickeln.“

 

Demütig vor dem Leben sei sie geworden und dankbar für das, was sie hat, sagt Beate Jung. Auch ihr politisches Verständnis habe sich durch die Biografiearbeit verändert. Ein reizender alter Herr erzählte ihr, dass er bei der SS war. Er habe seinen Kindheitstraum, nämlich die Fliegerei, nur verwirklichen können, indem er in die NSDAP eingetreten sei. Später war die Scham über die Gräueltaten während des 2. Weltkrieges so groß für ihn, dass er sich der Religion zugewandt habe.

Ein anderer Bewohner wurde als Kind verschüttet und verlor beide Eltern. Er musste sich ab dem 5. Lebensjahr alleine durchschlagen. Er wurde zum Kleinkriminellen, der Kontakt zu Prostituierten pflegte. Er lernte u.a. Rosemarie Nitribit kennen, deren Hund er regelmäßig ausführte und deren „Mädchen für alles“ er später wurde. „Dieser Mann war ein warm-herziger Mensch, der nie den Humor und die Liebe zu anderen Menschen verloren hat. Sprach er allerdings über sein Leben, brach die ganze Verzweiflung schluchzend aus ihm heraus.“

Von der Flucht übers Eis aus Pommern, von Verschleppung und Verbannung nach Sibirien berichtet Beate Jung, auch zwei Überlebende aus Stalingrad seinen unter den Bewohnern.

 

Was ihr bei der Bewältigung dieser Informationsfülle half, waren ihre Zusatzausbildungen in Psychologie und die Philosophie und Biografiearbeit nach Prof. Erwin Böhm.

„Bei Böhm heißen die Lebensbewältigungsstrategien, die jeder Mensch entwickelt ‚Copings’. Copings können viele Gesichter haben, wie z.B. Suchtverhalten Essstörungen, aber auch Durchsetzungsvermögen oder Humor“, erklärt Frau Jung. „Je mehr Traumata ein Mensch erlebt hat, desto mehr Copings entwickelt er. Deshalb ist es so enorm wichtig, die Biografie eines Bewohners zu kennen. Nur so können wir auch die heutigen Verhaltensweisen verstehen lernen. So sei es ihr gelungen, ihre eigenen Copings bewusst wahrzunehmen und nachzuvollziehen. „Ich bin milder geworden mir selbst gegenüber.“

Es gäbe jedoch auch die Glückspilze im Leben, die behütet und beschützt in einer Familie aufwachsen. „Diese Menschen entwickeln ein Urvertrauen, dass sie später davor schützt aus der Bahn geworfen und depressiv zu werden. Das sind die Bewohner, die ihr Schicksal annehmen und Zufriedenheit ausstrahlen.“

 

Von großer Bedeutung sei auch der kulturelle Hintergrund eines Menschen. „Nur wenn wir uns mit Sitten und Gebräuchen befassen, können wir Verständnis für die Bedürfnisse eines Menschen entwickeln und ihn im Umgang, aber auch mit Milieugestaltung das Gefühl vermitteln zu Hause zu sein .Die Individualität eines Menschen bleibt bestehen, unabhängig davon, wie alt er wird“, meint Frau Jung.

Im Julie-Roger-Haus leben einige alte Damen, die sich heute durchaus schamhaft geben, obwohl sie in jüngeren Jahren ein schillerndes, buntes Leben geführt haben. Für diese Damen bieten Veranstaltungen, wie die „Ladies Night“ einen Rahmen, sich lebendig zu fühlen“, so Beate Jung. Die Aussage von Prof. Böhm: „Bevor du die Beine bewegst, musst du die Seele bewegen“, bringe die Sache auf den Punkt.

 

„Das macht mir Hoffnung für mein eigens Ater. In einer Umgebung, in der meine Copings verstanden werden und auf meine Bedürfnisse eingegangen wird, kann ich von einem würdevollen Umgang ausgehen. Diesen Gedanken finde ich tröstlich.“

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